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Auf dass katholischer Geist Wissen schafft (Konradsblatt, Freiburg)

Die sieben Frauenfiguren der „Artes Liberales“ in der Portalvorhalle des Freiburger Münsters müssen innerlich jubiliert haben, als Erzbischof Robert Zollitzsch am 26. September die etwa 450 Teilnehmer der Jahrestagung der Görres‐Gesellschaft zum Pontifikalamt begrüßen konnte. Denn gemeinsame Feste von Wissenschaft und Glauben sind selten geworden, die Mitglieder der Görres‐Gesellschaft jedoch verstehen sich als Wissenschaftstreibende „im katholischen Geist“. Zollitzsch nutzte seine Predigt, an die Wahrheitsfrage zu erinnern, die allem wissenschaftlichen Streben zugrunde liege und die über ein auf Funktionalität gerichtetes Spezialwissen hinausweise. Zugleich mahnte der Erzbischof einen verantwortungsvollen Umgang mit den Errungenschaften der Forschung an. „Es wird deutlich, dass Bildung nicht die Anhäufung von Wissen ist (...), sondern dass es auch um den gewissenhaften Umgang und Gebrauch des erworbenen Wissens geht (...) Scientia und Conscientia (...) gehören untrennbar zusammen“. Der Görresgesellschaft sprach Zollitzsch diese nötige „Weite des Geistes“ als Kennzeichen zu.
 
Zum anschließenden Festakt in die Aula der Universität musste sich die Weite allerdings zunächst durch Türsteher und Taschenkontrollen zwängen. Anlass war hohe Prominenz, die auch einem CDU‐Parteitag angemessen wäre: der baden‐württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus, der frühere rheinland‐pfälzische und thüringische Regierungschef Bernhard Vogel und Jean‐Claude Juncker, Premierminister von Luxemburg, gaben sich oder bekamen die Ehre. Mappus rannte mit seiner Ansprache offene Türen bei den Görresianern ein, indem er einerseits Forschung und Bildung zu entscheidenden Ressourcen für die Zukunft erklärte und sich andererseits zum Christentum als Grundlage  europäischer Identität bekannte. „Wir wären schlecht beraten, unsere christlichen Wurzeln zu vergessen“, lautete sein Credo. Bernhard Vogel reagierte mit einem „Damit habe ich nicht  gerechnet“, nachdem er mit dem Ehrenring der Görresgesellschaft für seinen bildungs‐ und gesellschaftspolitischen Einsatz geehrt wurde. Die Laudatio des Mainzer Historikers Andreas Rödder würdigte Vogel, der von 1972‐1976 auch ZdK‐Vorsitzender war, als einen Repräsentanten des vereinten Deutschlands, der für eine wertorientierte christliche Demokratie und den Grundkonsens der Bundesrepublik stehe. Jean‐Claude Juncker bescheinigte in seinem Festvortrag „Europa jenseits der  Krise“ den Europäern ein Krisenauslösungs‐ und Jammertalent. „Wir haben vergessen, auf Europa stolz zu sein, und uns über Erfolge zu freuen“. Die Europaidee müsse Herzenssache bleiben, nicht nur als Wirtschaftsraum, sondern als eine Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg und Frieden. Und im Hinblick auf den 20. Jahrestag der deutschen Einheit meinte der luxemburgische Premier: „Ich bin wohl der einzige der deutschen Sprache mächtige Politiker, der sich über die deutsche Einheit noch ehrlich freut“.

War der Festakt getragen von einem atmosphärischen Konsens, dass Deutschland und Europa sich als christliche Wertegemeinschaften zu verstehen haben, so bedeutete der abendliche Vortrag „Katholizismus und Verfassungsstaat“ des Bonner Juristen und Verfassungsrechtlers Christian Waldhoff eine Warnung vor allzu viel Selbstverständlichkeit. Wenngleich die Kirchen im Nachkriegsdeutschland einen großen Einfluss auf die Verfassungsgebung ausgeübt hätten, seien die Grundrechte wie Meinungs‐ und Religionsfreiheit als klassische Abwehrrechte doch in erster Linie ein genuines Produkt des liberalen westlichen, nicht des christlich‐kirchlichen Denkens. Im heute verbreiteten Verständnis der Grundrechte als Wertekatalog mit quasi ersatzreligiösem Charakter sieht Waldhoff eine Übersteigerung ihrer ursprünglichen Intention. Auch kirchliche Verlautbarungen hinsichtlich ethischer Fragen würden häufig durch grundrechtliche statt durch theologische Argumentation einer Überidentifizierung von Kirche und Grundgesetz erliegen.

Am Montag und Dienstag weiteten sich die Vortragsthemen im Rahmen der Sektionsveranstaltungen über die verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereiche und das Kollegiengebäude I aus. Insgesamt 80  Vorträge der unterschiedlichen Disziplinen schulten und forderten die Weite des Geistes. Besonders fruchtbringend wurden die Veranstaltungen überall dort, wo sich intensive Diskussionen gegenüber der Tendenz, Vortragslängen auszudehnen, Raum verschaffen konnten. Das Verhältnis von Staat und  Kirche blieb bei der Sektion für Politische Wissenschaft und Kommunikationswissenschaft präsent. Hans Maier verglich dort die höchst unterschiedlichen Entwicklungen in Frankreich und Deutschland und stellte fest, dass gegenwärtig in beiden Ländern die Stärke des Islams zu einem neuen Nachdenken über die eigenen kulturellen Wurzeln führe. Angesichts der neuen Sichtbarkeit von Religion müsse man neu lernen, dass Religion nichts ist, was man ängstlich zu verbergen, sondern  was man im Zweifel von den Dächern zu rufen habe. Die Altertumswissenschaftler widmeten sich der Frage nach den Romaufenthalten der Apostel Petrus und Paulus und diskutierten heftig die vom Bonner Altphilologen Otto Zwierlein vorgebrachte These, für solche gebe es keinerlei stichhaltigen literarischen Zeugnisse. Die Pädagogen fragten nach dem bisherigen Ertrag der Genderforschung und möglichen Konsequenzen, die Mediziner stellten die Patientenverfügungen in den Mittelpunkt. Am Puls der Zeit diskutierte auch die Sektion für Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie mit ihrem Rahmenthema „Pädophilie und Kindesmissbrauch“. Dazu war u.a. der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff eingeladen. Seiner Meinung nach müssten die innerkirchlichen Missbrauchsfälle das Ende der „theologisch verheerenden Denkweise“ einer strikten Trennung der Heiligkeit der Kirche von den Sünden ihrer Einzelmitglieder nach sich ziehen. Schockenhoff hinterfragte zudem den priesterlichen Pflichtzölibat, dessen Aufhebung zu einem breiteren Profil an Priesteramtskandidaten und zu einem Gewinn an Lebenssituationen im Stand des Klerus führen würde. Gerade angesichts der gegenwärtigen Krise könne jetzt auch die Sexualethik der Kirche modifiziert werden. Auch wenn Schockenhoffs Wunsch nach einer entsprechenden Enzyklika über „Geschenk und Gabe der Sexualität“ vorerst Wunsch bleiben dürfte, so stärken solche Statements die in der Sektion für Soziologie vorgebrachte These von Arnold Zingerle, die Görres‐Gesellschaft sei „diskursive Plattform der konstruktiven, wissenschaftlich fundierten Kritik an der katholischen Kirche“. Anzufragen bleibt aber, ob Zingerles programmatische Verortung der Görresianer als „Biotop“ im Schnittfeld von Wissenschaft, Katholizismus und klassischem Bildungsbürgertum nicht eine zu starke Bindung von Wissenschaftspflege an ein bestimmtes Milieu  beinhaltet und die gegenwärtige Debatte um die Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems ignoriert. Möglicherweise liegt hierin ja auch das Problem des fehlenden Nachwuchses, wie es auf der Freiburger Generalversammlung ins Auge stach. Im Schatten der wissenschaftlich unglaublich erfolgreichen und verdienten älteren Generation ist eine große Lücke aufgetreten. Erste Maßnahmen werden ergriffen: Präsident Wolfgang Bergsdorf deutete an, dass eine Verzahnung mit dem Cusanuswerk geplant ist. Außerdem wolle man die Sichtbarkeit und die Außendarstellung der Gesellschaft verbessern. Als große wissenschaftliche Baustelle steht die Neuauflage des renommierten Staatslexikons an. Die Freiburger Portalfiguren der sieben freien Künste stehen diesen Vorhaben gewiss wohlwollend zur Seite. 

Daniel Gaschick, Konradsblatt, Freiburg

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