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Laudatio auf Bernhard Vogel (Andreas Rödder)

Laudatio auf Bernhard Vogel

anlässlich der Verleihung des Ehrenrings der Görres-Gesellschaft
am 26. September 2010 in Freiburg

von Andreas Rödder


So wie Aristoteles gesagt hat, dass sich das Allgemeine im Besonderen zeigt, so steht Bernhard Vogel für den demokratisch-zivilgesellschaftlichen Grundkonsens der Bundesrepublik Deutschland. Schon in der Wahl seiner Studienfächer war vieles angelegt: Geschichte, Volkwirtschaftslehre, die noch exotische Soziologie und vor allem die Politikwissenschaft, jene neue Wissenschaft, die sich nach dem Krieg unter amerikanischem Einfluss mit der Demokratie in der Bundesrepublik etablierte.
So war es in der Sache auch kein Zufall, dass Vogel von Dolf Sternberger promoviert wurde, dessen Vorstellungen von einem „Verfassungspatriotismus“ bis heute – gerade in Zentralfrage der Integration von Migranten –, vielleicht sogar mehr denn je, von wegweisender Bedeutung sind.
Neben Sternberger war es Oswald von Nell-Breuning, der Vogel das geistig-politische Rüstzeug an die Hand gab: die katholische Soziallehre mit ihrem Prinzip der Subsidiarität – auch dies ein Konzept von langfristiger, ich möchte sagen überzeitlicher Bedeutung, wobei ich hinzufügen möchte, dass es zu den zentralen gesellschaftlich-politischen Aufgaben unserer Gegenwart und Zukunft zählt, das Subsidiaritätsprinzip und seine Bedeutung für unser Gemeinwesen wieder neu zu buchstabieren.
Und auch dies gehört dazu: 1932 geboren, betrieb Vogel Politik in der Erfahrung aus der Geschichte und mit Verantwortung für die Geschichte – und dazu zählt in besonderem Maße die Versöhnung mit dem Staat Israel.
Kurzum: In der Person Bernhard Vogels verbindet sich der Grundkonsens der Bundesrepublik mit der christdemokratischen Prägung des Landes in der grundlegenden Modernisierung auf dem Boden bewährter Traditionen in der Spätmoderne.

Schon in seiner Heidelberger Dissertation über die Unabhängigen in den Kommunalwahlen westdeutscher Länder unter besonderer Berücksichtigung von Rheinland Pfalz thematisch vorbereitet, tat er bald auch den politisch-biographischen Sprung über den Rhein.
Am 18. Mai 1967, 15 Tage vor den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg und mitten in den Turbulenzen, die man mit „68“ verbindet, wurde er im Alter von 34 Jahren zum Kultusminister von Rheinland Pfalz ernannt, und er wurde innerhalb weniger Jahre zu einem der profiliertesten Bildungspolitiker der CDU, als die Union noch ein erkennbares bildungspolitisches Profil besaß. „Neue Bildungspolitik“ – unter diesem Titel plädierte er in einer Publikation aus dem Jahr 1975 für „ein realistisches Konzept“ – und bereits in diesem Titel wird die Verbindung von Modernisierung und Pragmatismus sichtbar, die für den Bildungspolitiker Vogel so charakteristisch war. Die Grundgedanken dieser Politik – talentgerechte Differenzierung, Garantie von Bildungsinhalten und Leistung, Eröffnung von Aufstiegschancen – haben im übrigen von ihrer Aktualität bis heute nichts verloren.
Aber sie waren auch damals nicht unumstritten, standen vielmehr zwischen den Fronten: der Traditionalisten einerseits, die alles bewahren wollten, wie es war, auch wenn es keine Zukunft mehr hatte – und der Bilderstürmer auf der anderen Seite, die nichts lassen wollten, wie es war. Jenseits des Rheins erhoben die Reformer der Hessischen Rahmenrichtlinien ihren unduldsamen Anspruch auf die Wahrheit – und wenn wir heute die Bilanz ziehen: um wie vieles menschenfreundlicher war die behutsame Modernisierung, der wertorientierte Pragmatismus eines Bernhard Vogel, der jenem Ideal von Persönlichkeits-Bildung folgte, das zu den besten deutschen Traditionen zählt, und es in einer Mischung aus individueller Spezialisierung und verbindlicher Allgemeinbildung neu gestaltete. Immerhin hat die Görres-Gesellschaft einem Absolventen der Mainzer Studienstufe, Vogels rheinland-pfälzischem Projekt der gymnasialen Oberstufe, die ehrenvolle Aufgabe anvertraut, diese Laudatio zu halten.
Für mich war Bernhard Vogel mein Kultusminister und von der dritten Klasse an mein Ministerpräsident, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es anders sein könnte. Und ich habe, zumindest qualitativ, recht gehabt: unter dem 11. November 1988 in Koblenz laboriert Rheinland-Pfalz bis heute.

Schließlich eröffnete dieser unschöne Tag Bernhard Vogel neue Perspektiven: vom Mister Bundesrepublik zum Repräsentanten des vereinten Deutschland zu werden.
Dabei erinnere ich mich oft, wie mir Bernhard Vogel einmal davon erzählte, wie sich die westdeutschen Vertreter am Vorabend der Wiedervereinigung, beim Staatsakt im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, über die Melancholie wunderten, mit der Lothar de Maizière Abschied von der DDR nahm: ohne Tränen zwar, wie er sagte, aber mit dem Zusatz, dass die DDR die Ostdeutschen nie loslassen werde. Mit leisem Ton fügte Vogel in unserem Gespräch hinzu: „Vielleicht haben wir die Ostdeutschen damals aber auch nicht richtig verstanden.“
Gerade in diesem Nachsatz aber kommt jene nachdenkliche Offenheit füreinander zum Ausdruck, an der es im vereinten Deutschland, in Ost und West, so sehr gemangelt hat. Denn nicht so sehr in den institutionellen Regelungen liegen die zentralen Probleme der Wiedervereinigung. Die waren in vielem grundsätzlich alternativlos. Das Problem waren vielmehr die Haltungen, in Ost und West.
Vogel hat die Ostdeutschen verstanden und gerade damit besondere Verdienste erworben – sogar die taz schrieb, er sei fähig, „den Thüringern zu vermitteln: Ihr seid wer.“
Dass er Ministerpräsident von Thüringen wurde, kam dabei eher überraschend: am 27. Januar 1992 wurde er in einem Münchener Wirtshaus ans Telefon gerufen – am anderen Ende war Helmut Kohl. Zwischen der Durchreiche für die Essensausgabe und dem Abgang zu den Waschräumen nahm Vogel den Wunsch der Thüringer CDU entgegen, dass er ihr Ministerpräsident werden solle – woraufhin er sich ohne Zahnbürste und alles weitere auf nach Erfurt machte.
Am 5. Februar 1992 war er der erste und bis heute letzte Ministerpräsident zweier Bundesländer. Bei allen Schwierigkeiten, allen Härten eines Transformationsprozesses, den man im Westen weithin gar nicht recht begriffen hat, und allen schmerzhaften Entscheidungen – ich denke nur an den Kalibergbau in Bischofferode: in den elf Jahren seiner Regierungszeit hat Thüringen zu den westdeutschen Bundesländern aufgeschlossen.
Und als wir kürzlich in Mainz – das bekanntlich von alters her besondere Beziehungen zu Erfurt pflegt – Austauschschüler aus der thüringischen Landeshauptstadt zu Gast hatten und als Erfurter gemeinsam mit den Mainzer Schülern ein Musical auf die Bühne brachten, da machten dort – und mit welchem Engagement! – Kinder und Jugendliche miteinander Musik und Theater, für die Ost und West gar keinen Unterschied mehr macht. Es war einer jener Momente, in denen die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint. Und daran hat Bernard Vogel mit seiner optimistischen und menschenfreundlichen Zuversicht ganz erheblichen Anteil.

2003 legte er, wie er es selbst formulierte, sein Amt „in die Hände des Landtags zurück“. Mit ihm ging, wie die Welt schrieb, der letzte der großen Nachwende-Ministerpräsidenten, der dem Osten Halt, Gesicht und Stimme gab. Dass man sich ihn auch für ein ganz anderes Amt hätte vorstellen können und wünschen mögen, sei nur angemerkt. Jedenfalls wäre er nicht vorzeitig gegangen, um nur dies zu sagen. Denn auch das gehört neben der christdemokratischen Liberalität zu Bernhard Vogel: geradezu preußisches Pflichtbewusstsein und Disziplin. Ein ausgeklügeltes System der postalischen Versendung sämtlicher Briefe und Vorgänge dahin, wo er gerade ist – und das ist eine Wissenschaft für sich – sorgt dafür, dass nichts liegenbleibt. Denn Liegenbleiben ist etwas, worauf er allergisch reagiert. Als einmal der Entwurf für ein Kondolenzschreiben nicht umgehend vorlag, reagierte Vogel mit eindeutiger Nachfrage: „Bis zur Auferstehung wollen Sie aber nicht warten?“

Bernhard Vogel steht für eine moderne und wertorientierte Christdemokratie im besten Sinne des Wortes und in wirklicher Verbindung der viel beschworenen und wenig gegossenen drei Wurzeln, die den Baum nur gemeinsam tragen: der liberalen, der konservativen und der christlich-sozialen. Er selbst wird getragen von einem weltoffenen, menschenfreundlichen Katholizismus: vom Bund Neudeutschland über seine Jahre als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken bis zur Görres-Gesellschaft – seine Mitgliedschaft seit 1964, die jahrelange Schriftleitung des Jahrbuchs civitas bis hin zur Förderung der Anliegen der Gesellschaft, die er sich in all seinen einflussreichen Ämter stets hat angelegen sein lassen.
Es gibt so viele Gründe, Bernhard Vogel den Ehrenring der Görres-Gesellschaft zu verleihen. Ich bin dankbar für jeden einzelnen und darf Ihnen, lieber Herr Vogel, von ganzem Herzen dazu gratulieren.