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Organtransplantation als Weg der Therapie

Organtransplantation als Weg der Therapie

Andreas Hirner, Jörg C. Kalff, Nico Schäfer
Freiburg/Breisgau, 27. September 2010



Mythen und Legenden, in denen behauptet wird, dass Organe und Gewebe von einem Menschen zu einem anderen übertragen worden seien, lassen sich bis in das 5. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen. Erste detaillierte Berichte stammen aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Zu dieser Zeit sollen die beiden Schutzheiligen der Medizin, St. Cosmas und St. Damian, einem weißen Missionar erfolgreich das Bein eines toten Mohren verpflanzt haben, nachdem sein eigenes verfault war (aus der Legenda aurea des Jakobus von Voragine).

Die moderne Organtransplantation reicht in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Joseph E. Murray führte 1954 erstmals eine erfolgreiche Nierentransplantation bei eineiigen Zwillingen durch, indem er dem einen eine Niere entnahm und dem anderen einpflanzte. In den Folgejahren kamen die anderen Organtransplantationen hinzu: 1963 Lunge durch J.D. Hardy, 1966 Bauchspeicheldrüse durch R. Lillehei und 1967 Leber durch T.E. Starzl, Dünndarm durch R. Lillehei und Herz durch C. Barnard.

Grundsätzlich unterscheidet man bei der Transplantation zwischen Organen, welche nur durch eine Kadaverspende gewonnen werden können und solchen, die auch im Rahmen einer Lebendspende gewonnen werden können. Bei der Lebendspende spendet ein lebender Mensch einem anderen Menschen das notwendige Organ oder die erforderlichen Zellen (Blut und Knochenmark). Solche entnehmbaren Organe sind entweder paarig angelegt (Niere) oder besitzen eine hohe Regenerationsfähigkeit (insbesondere Leber). Von Toten können folgende Organe und Gewebe transplantiert werden: Leber, Herz, Lunge, Niere, Bauchspeicheldrüse, Darm und Gewebe (Blutgefäße, Gehörknöchelchen, Haut, Herzklappen, Hornhaut der Augen, Knochengewebe, Knorpelgewebe, Sehnen, Teile der Hirnhaut etc.). In Deutschland werden insbesondere regelmäßig die Nieren, die Leber, die Lunge, das Pankreas und das Herz transplantiert, wobei die 1- und 5- Jahres Organ- und Patientenüberlebensraten in Abhängigkeit von der Grunderkrankung des Patienten zwischen 55% und 85% liegen. In Bonn werden Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse und (einmal) Dünndarm transplantiert.

In Deutschland können Verstorbenen Organe zur Transplantation entnommen werden, wenn der Hirntod sicher nachgewiesen ist und eine Zustimmung vorliegt. Die Feststellung des Hirntods erfolgt durch mindestens zwei unabhängige Ärzte, die über eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit schweren Hirnschädigungen verfügen müssen und nicht dem Entnahme- oder Transplantationsteam angehören dürfen.

In Bezug auf die Zustimmung durch den Patienten oder die Angehörigen hat sich in Deutschland nach ausführlicher Diskussion die erweiterte Zustimmungslösung etabliert, gesetzlich ausgestaltet im Transplantationsgesetz vom 1. Dezember 1997. Demnach dürfen die Organe eines Toten nur entnommen werden, wenn entweder der Verstorbene sich zu Lebzeiten für eine Organspende ausgesprochen hat oder die nächsten Angehörigen der Organentnahme zustimmen. Auch die Angehörigen sind dabei an den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen gebunden. Gemäß §2 Abs. 2 Satz 3 des TG können Personen ab dem vollendeten 16. Lebensjahr eigenständig in eine Organspende einwilligen oder die Übertragung der Entscheidung auf Dritte wirksam erklären sowie ab dem vollendeten 14. Lebensjahr einer Organspende widersprechen.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ist die bundesweite Koordinierungs­stelle für die Organspende nach dem Tod. Die DSO organisiert alle Schritte des Organspendeprozesses einschließlich des Transports der Organe zu den Empfängern. Dazu sind bundesweit fast 70 Koordinatoren der DSO im Einsatz. Sie unterstützen das Personal in den Krankenhäusern im Ablauf der Organspende. Liegt eine Einwilligung zur Organentnahme vor, so schickt der Koordinator vor Ort Blutproben des Verstorbenen zur Laboruntersuchung. Die Blutgruppe und Gewebemerkmale werden bestimmt. Beides sind wichtige Daten für die Vermittlung der entnommenen Organe. Außerdem wird geklärt, ob bei dem Verstorbenen Infektionen oder Tumorerkrankungen vorliegen, die den Organ­empfänger gefährden könnten. Die ermittelten Werte gehen an die Vermittlungsstelle Eurotransplant (Leiden/NL). Ein spezielles Computerprogramm gleicht hier die Daten der Spenderorgane mit allen Empfängern auf der Warteliste ab. Die Vermittlung der Organe erfolgt nach rein medizinischen Gesichtspunkten und der Wartezeit.

Die größten Herausforderungen bei der Organtransplantation sind nicht mehr medizinischer oder operativ-technischer Natur, sondern der mittlerweile weltweit herrschende Mangel an Spenderorganen. In Deutschland warten 12.000 Menschen auf ein Organ, aber es können nur 4.700 Transplantationen auf Grund des fehlenden Spenderaufkommens pro Jahr transplantiert werden. Während für Patienten auf der Warteliste zur Nierentransplantation (8.000 pro Jahr) nur ca. 2.800 Organe zur Verfügung stehen und die durchschnittliche Wartezeit sechs bis sieben Jahre beträgt, steht diesen Patienten mit der Dialysebehandlung wenigstens ein alternatives Nieren­ersatz­verfahren zur Verfügung. Für die Patienten auf der Warteliste zur Herz-, Leber- und Lungentrans­plantation gibt es jedoch keine medizinisch-technische Möglichkeit zur Überbrückung der Wartezeit, was dazu führt, dass in Deutschland noch immer drei Menschen täglich auf den Wartelisten versterben, weil Spenderorgane fehlen.

Die Gründe für die lange Wartezeit und den Organmangel sind vielfältig und werden in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien und in der Politik intensiv diskutiert. U.a. sind es der Rückgang an tödlichen Unfällen im Straßenverkehr, aber auch die Zunahme von Erkrankungen, die nur durch eine Transplantation therapiert werden können, insbesondere auch, weil die allgemeine Lebenserwartung gestiegen ist und immer mehr Transplanta­tionen von den Medizinern infolge des technischen Fortschritts als durchführbar angesehen werden. Ein weiterer Grund für den Mangel an Organen in Deutschland ist die fehlende Spendebereitschaft (14 Spender je Mio. Einwohner) gegenüber anderen Euro­päischen Staaten, z.B. Spanien (34 Spender je Mio. Einwohner). Der wichtigste Grund hierfür liegt darin, dass in Deutschland gesetzlich eine erweiterte Zustimmungsregelung, in Spanien dagegen eine Widerspruchsregelung besteht.